AKTUELLE MELDUNGEN
Vorwärts:
03. September 2012

100 Jahre Stadtluft im Vorderen Westen


Der Vordere Westen ist der jüngste der Kasseler Stadtteile. Heute ist er mit fast 16.000 Einwohnern der bevölkerungs-reichste und gleichzeitig dichtbesiedeltste Stadtteil Kassels. Noch 1870 verlief die westliche Stadtgrenze am Ständeplatz.
Mit dem Bau der Hohenzollernstraße - die spätere Friedrich-Ebert-Straße - wurde damals gerade begonnen. Westlich davon lagen zwischen Wilhelmshöher Allee und der Bahnlinie die Felder und Weiden Wehlheider Bauern, die der Textilfabrikant Sigmund Schrott erwarb, um auf dem Reißbrett einen neuen Stadtteil für das Bürgertum entstehen zu lassen. Ein großzügiges diagonales Straßennetz bildete das Grundraster für ebenso großzügige Wohnungen in fünfgeschossigen Jugendstilhäusern, die um die Jahrhundertwende entstanden.

Am Bebelplatz, dem Zentrum des Stadtteils, wurde 1901 die Rosenkranzkirche fertiggestellt, sieben Jahre später die Friedenskirche am Karl-Marx-Platz. Die Lebensqualität des neuen Quartiers unterstrichen in die Gesamtplanung integrierte Parkanlagen: Bismarckpark (das heutige Tannenwäldchen), Tannenkuppenpark (jetzt Aschrottpark) und Florapark (Stadthallengarten). Letzterer schenkte Aschrott der Stadt Kassel mit der Auflage, die Stadthalle zu bauen. Die Goetheanlage folgte Ende der 20er Jahre. Entlang der Straßen wurden etwa 16.000 Alleebäume gepflanzt (Joseph Beuys setzte diese Arbeit später fort). Neben den gründerzeitlichen Bauten entstanden von Mitte der 20er bis Anfang der 30er Jahre zusätzlich gemeinnützige und genossenschaftliche Wohnanlagen.

Von den verheerenden Folgen des Bombenangriffs vom 22. Oktober 1943 blieb der Vordere Westen weitgehend verschont. Eine Zäsur bilden die 70er und 80er Jahre; das studentische und akademische Milieu lässt sich hier nieder, zeitgleich werden die Bürgerhäuser der Jahrhundertwende zu beliebten Spekulationsobjekten vor allem auswärtiger Investoren. Der Vordere Westen übersteht auch diese Phase. Heute ist er einer der beliebtesten Stadtteile, eine Topadresse für Wohnungssuchende. Eine bunte Kneipen- und Restaurantszene hat sich etabliert, Kunst- und Kulturschaffende haben sich niedergelassen, das in anderen Stadtteilen traditionelle Vereinsleben wird vor Ort durch das vielfältige Wirken unzähliger Initiativen und Gruppen ersetzt. Die Infrastruktur ist einigermaßen intakt, in wenigen Minuten erreicht man mit der Straßenbahn die Innenstadt oder den ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe. Natürlich gibt es auch hier Probleme, aber die werden dank einer ausgeprägten Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement angepackt.
Kurzum, hier lebt es sich gut. Gewiss: Sind die Kinder aus dem Haus, werden die Einkaufstüten schwerer und das Treppensteigen in den vierten Stock beschwerlicher, wird so mancher Stadtteilbewohner schwach und zieht dann doch in das Einfamilienhaus mit Garten am Stadtrand oder in die neuen Stadtvillen der Kasernengelände oder der Unterneustadt - mit Lift inklusive. Es sei ihnen verziehen, wissen wir doch, dass sie gerne an ihre Zeit im Vorderen Westen zurückdenken werden. Denn der Vordere Westen ist eben nicht nur ein Stadtteil, er ist ein Lebensgefühl.
Ein gutes Beispiel für das vielfältige Engagement, das man im Vorderen Westen antrifft, ist das alljährlich stattfindende Kinderfest mit Kinderflohmarkt des SPD-Ortsvereins Kassel-West in der Goetheanlage. Am letzten Samstag in den Sommerferien können Eltern und Kinder ohne Standgebühren Kinderspielzeug und gebrauchte Kleidung verkaufen. Spielangebote wie eine Hüpfburg oder Schminkaktionen runden das Programm ab. Leckere Bratwürste, Kaffee und Kuchen und aussschließlich antialkoholische Getränke sorgen für das leibliche Wohl. In Kassel ist dieser Familien-Flohmarkt mit seiner ganz besonderen Athmosphäre längst ein Geheimtipp. Lust bekommen? Die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, Heidi Ulloth, informiert Sie gerne.


Copyright 2017 uwe frankenberger. Realisiert mit nrwspd.net, einem Service der barracuda digitale agentur GmbH, Köln.